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Harraga
Leseprobe aus meiner aktuellen Übersetzung: Boualem Sansal, Harraga, erscheint Ende 2007 im Merlin Verlag
Algerien. Lamia ist Ärztin, alleinstehend. Sie lebt in einem Vorort von Algier in einem alten, verwinkelten Häuschen, das aufgrund seiner bewegten Geschichte von allerlei Gespenstern bevölkert ist. Dies ist Lamias Universum, hier lebt sie in ihrer eigenen kleinen, aber reichen Welt, denn von der Welt draußen erwartet sie wenig, jedenfalls wenig Gutes. Lamia lebt alleine. Ihre Eltern sind tot, ihr älterer Bruder ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, ihr jüngerer Bruder hat sich aufgemacht in ein besseres Leben, ein anderes Land, wie so viele junge Leute.
Eines Tages klopft es an der Tür. Draußen steht eine junge Frau, beinahe noch ein Mädchen, exotisch ausstaffiert, sichtlich schwanger, und begrüßt sie wie eine alte Bekannte. Chérifa. Sie quartiert sich bei Lamia ein als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. Lamia ist fasziniert von diesem Ausbund an überschäumendem Leben und zugleich empört über diesen Eindringling in ihre wohlgeordnete heile Welt.
“Meine Haustür gibt ein beängstigendes Geräusch von sich. Sie macht nicht klopf klopf, sondern päng päng. Sie ist gepanzert, das ist das Eine, aber trotzdem denkt man heutzutage an andere Phänomene.
Beim Öffnen halte ich mich im Schutz des Türrahmens. Ein Reflex. „Chkoun? Wer da?“ Es ist weder die Patrouille noch ein Prediger noch ein Verfechter der Wahrheit noch die Nachbarin aus der Rue Marengo, eine pausbäckige alte Schreckschraube mit tausend abgedroschenen Überzeugungen, die immer wieder auf die Neuigkeiten zurückkommt, noch sonst etwas derart Böses. Zum Glück ist es nicht unser Briefträger, der gute Moussa, der Galeerensklave von Rampe Vallée, ein entsetzlich geschwätziges altes Schlachtross, das auf seinem Weg Tag für Tag, ausgenommen während Unruhen oder Streiks, einen Papierwust von Schrecknissen und Viren aussät, sondern ein junges Mädchen von der allerdrolligsten Sorte. Sie antwortet: „Ich bin’s!“ Ist mir völlig unbekannt. Schmächtig, herausgeputzt im Stil Star Academy, allerdings mit den hauseigenen Mitteln. Ist es ein Rechenfehler oder reine Phantasie, allein mit dem Spitzenkragen könnte sich eine ganze Familie von Verrückten verkleiden. Ganz adrett, bis auf die Kakophonie der Farben. Ihr Kopfputz vereinigt verschiedene Bräuche, sowohl uralte als auch solche vom letzten Schrei. Geschminkt bis zum Anschlag. Die Augen, schwarz, weiß und lebhaft, schwimmen in einer Lache Wimperntusche, die von reichlich Grün umgeben ist. Es fehlt nichts, ein Haarwirbel, ein Gerstenkorn vielleicht, und man könnte meinen, die kleine Schmutzliese käme aus einer fernen Gegend. Ihr Parfum steht der Wolke von Tschernobyl in nichts nach. Ein wandelnder Skandal, der auf unerklärliche Weise Allahs Zorn entgangen ist. Eine geringelte Reisetasche macht ihre sechzehn, siebzehn Wanderjahre komplett. Sie liegt neben ihr wie die Hülle einer frisch gehäuteten Schlange. Die ausgesprochen vollen Lippen zu einer blutroten Schnute verzogen, halb ärgerlich, halb fragend. Eine Miene, als gäbe es hinter dem selbstsicheren Lächeln keinerlei Zweifel. Und die Krönung, ein dicker Babybauch mit vorwitzigem Nabel.
„Tante Lamia?“ sagt sie entschlossen von der ganzen Höhe ihrer Einsfünfzig herab.
„Äh… kommt drauf an.“
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