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Tuesday, January 09, 2007
Harraga
Leseprobe aus meiner aktuellen Übersetzung: Boualem Sansal, Harraga, erscheint Ende 2007 im Merlin Verlag
Algerien. Lamia ist Ärztin, alleinstehend. Sie lebt in einem Vorort von Algier in einem alten, verwinkelten Häuschen, das aufgrund seiner bewegten Geschichte von allerlei Gespenstern bevölkert ist. Dies ist Lamias Universum, hier lebt sie in ihrer eigenen kleinen, aber reichen Welt, denn von der Welt draußen erwartet sie wenig, jedenfalls wenig Gutes. Lamia lebt alleine. Ihre Eltern sind tot, ihr älterer Bruder ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, ihr jüngerer Bruder hat sich aufgemacht in ein besseres Leben, ein anderes Land, wie so viele junge Leute.
Eines Tages klopft es an der Tür. Draußen steht eine junge Frau, beinahe noch ein Mädchen, exotisch ausstaffiert, sichtlich schwanger, und begrüßt sie wie eine alte Bekannte. Chérifa. Sie quartiert sich bei Lamia ein als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. Lamia ist fasziniert von diesem Ausbund an überschäumendem Leben und zugleich empört über diesen Eindringling in ihre wohlgeordnete heile Welt.
“Meine Haustür gibt ein beängstigendes Geräusch von sich. Sie macht nicht klopf klopf, sondern päng päng. Sie ist gepanzert, das ist das Eine, aber trotzdem denkt man heutzutage an andere Phänomene.
Beim Öffnen halte ich mich im Schutz des Türrahmens. Ein Reflex. „Chkoun? Wer da?“ Es ist weder die Patrouille noch ein Prediger noch ein Verfechter der Wahrheit noch die Nachbarin aus der Rue Marengo, eine pausbäckige alte Schreckschraube mit tausend abgedroschenen Überzeugungen, die immer wieder auf die Neuigkeiten zurückkommt, noch sonst etwas derart Böses. Zum Glück ist es nicht unser Briefträger, der gute Moussa, der Galeerensklave von Rampe Vallée, ein entsetzlich geschwätziges altes Schlachtross, das auf seinem Weg Tag für Tag, ausgenommen während Unruhen oder Streiks, einen Papierwust von Schrecknissen und Viren aussät, sondern ein junges Mädchen von der allerdrolligsten Sorte. Sie antwortet: „Ich bin’s!“ Ist mir völlig unbekannt. Schmächtig, herausgeputzt im Stil Star Academy, allerdings mit den hauseigenen Mitteln. Ist es ein Rechenfehler oder reine Phantasie, allein mit dem Spitzenkragen könnte sich eine ganze Familie von Verrückten verkleiden. Ganz adrett, bis auf die Kakophonie der Farben. Ihr Kopfputz vereinigt verschiedene Bräuche, sowohl uralte als auch solche vom letzten Schrei. Geschminkt bis zum Anschlag. Die Augen, schwarz, weiß und lebhaft, schwimmen in einer Lache Wimperntusche, die von reichlich Grün umgeben ist. Es fehlt nichts, ein Haarwirbel, ein Gerstenkorn vielleicht, und man könnte meinen, die kleine Schmutzliese käme aus einer fernen Gegend. Ihr Parfum steht der Wolke von Tschernobyl in nichts nach. Ein wandelnder Skandal, der auf unerklärliche Weise Allahs Zorn entgangen ist. Eine geringelte Reisetasche macht ihre sechzehn, siebzehn Wanderjahre komplett. Sie liegt neben ihr wie die Hülle einer frisch gehäuteten Schlange. Die ausgesprochen vollen Lippen zu einer blutroten Schnute verzogen, halb ärgerlich, halb fragend. Eine Miene, als gäbe es hinter dem selbstsicheren Lächeln keinerlei Zweifel. Und die Krönung, ein dicker Babybauch mit vorwitzigem Nabel.
„Tante Lamia?“ sagt sie entschlossen von der ganzen Höhe ihrer Einsfünfzig herab.
„Äh… kommt drauf an.“
„Ich bin Chérifa!“
„Aha… und weiter?“
„Sofiane schickt mich. Ich komme aus Oran.“
„Was??!!“
„Hat er dich nicht angerufen?“
„Äh… nein.“
„Darf ich reinkommen?“
„Äh… wenn du willst.“
„Danke.“
„Nein, ich danke.“
„Es ist komisch bei dir.“
„Findest du?“
Genau auf diese Weise kommen auch die Wirbelwinde ins Haus. Nichts, absolut nichts in meinem Dasein ließ erahnen, dass ich meine Tür und mein Leben eines Tages für solche Umwälzungen öffnen würde. Ich habe geöffnet, weil es eben so ist, man öffnet, wenn jemand an die Tür klopft. Man denkt an die Nervensägen, und davon gibt es in unserem Viertel weiß Gott gewaltige, und noch mehr an die Prediger, an die Vergewaltiger, an die Polizei, man sagt sich, dass diese Leute sich an keine Zeiten, keine Grundsätze halten, aber um sich zu beruhigen und sich dem Traum hinzugeben ist man auch leichtsinnig, man glaubt an das Wunder, an die Vorsehung, die das große Warten endlich belohnt, an all die frohen Neuigkeiten, die einem ein unscheinbares Leben im Kopf herumschwirren lässt.
Außerdem ist da die Vorahnung und ihre unbewussten Impulse, die subtile Kraft des Verborgenen, die Rufe aus einer anderen Welt, die plötzliche Lust, dem großen Geheimnis entgegenzutreten. All das wächst schneller als einen die Angst zurückhält.
Um ehrlich zu sein, ich habe ganz automatisch geöffnet. So bin ich eben, eine tatkräftige Frau. Automatisch vielleicht doch nicht, die Hoffnung, meinen Bruder wieder zu sehen, ihn eines Tages an die Tür klopfen zu hören, lässt mich nicht los. Alle Geräusche erinnern mich an ihn. Die Qual wird niemals enden. Sofiane, das weiß ich, ist gegangen, um niemals zurückzukehren.
Gute Erziehung ist ein echtes Handikap. Man sieht aus wie ein Albatros, der vom Himmel in einen Korb voller Janitscharen gefallen ist. Eine Höflichkeit ergab die nächste, und so bot ich dieser ungebetenen Besucherin Limonade an, dann ein Abendbrot, ein Ei und eine Orange, und ertrug stoisch und aufmerksam ihr Geplapper. Konnte ich ihr ein Nachtlager verweigern? Gastfreundschaft endet nicht an der Bettkante. Ohnehin war das dreiste Ding, während ich den Tisch abräumte, kurzerhand in sein Nachthemd geschlüpft. Das Weitere ergab sich von selbst, [18] ich reichte ihr ein Kopfkissen und Bettwäsche und bedachte sie mit einem melodischen Gute Nacht, das sie als Aufforderung zum Feiern verstand. Sie lachte so viel und redete ewig, über alles Mögliche, kam vom Hundertsten ins Tausendste, erzählte von Firlefanz, Rai-Sängern und von dem, was Scheherazade, die unübertreffliche Schlaflose, in keinem Märchen jemals gesehen oder gehört hat. Ich konnte von Anfang an nicht folgen.
In Wirklichkeit schaute ich anderswo hin, während ich der Klatschtante der Form halber an den Lippen hing. Ihre schrille Stimme machte mich wahnsinnig. Ich dachte an Louiza, meine liebe, sanfte Louiza. Gott, wie sehr sie mir fehlt! Und was ist aus unseren Versprechungen geworden?
Es ist drei Uhr, die Nacht schreitet weiter voran. Die alte Standuhr, die würdevoll über die Diele wacht, schlägt seit dem Verlust ihres ersten Herrn nicht mehr, aber ich verstehe sie trotzdem, sie knarrt aus Gewohnheit in regelmäßigen Abständen. Schon dreimal hat sie versucht, sich bemerkbar zu machen. Das Geplauder des jungen Dings hatte sich aufgelöst, bis es nur noch eine verschwommene Wolke über unseren Köpfen gewesen war, dann hatte es sich zum Saum hin verflüchtigt. Die Stille, die echte, die mineralische, begann unüberhörbar von den Leiden des Hauses zu sprechen, es knackte überall, laut genug, um die Poltergeister auf den Plan zu rufen. Wir befanden uns in einer jener Stunden, die nicht wirklich uns gehören, in denen die Seele durch nichts mehr mit dem Körper verbunden ist als durch den Silberfaden. Die Unbekannte schlief endlich ein, verschmolz mit dem Sofa und den bunten Kissen. Nachdem sie mich mit ihren Dummheiten überhäuft hatte, fiel sie stocksteif um, mit ausgebreiteten Armen, offenen Mund und ebensolchen Beinen. In dieser Haltung könnte man sie für unzüchtig halten, wenn sie nicht nur allzu natürlich wäre. Wenn man sie so sieht, im Liegen genauso drollig wie im Stehen, dann ahnt man, dass sie eine Welt ganz für sich alleine hat, weit weg von unserer, in der es weder an Feen noch an Märchenprinzen mangelt, und dass die anderen, die Statisten, die Randfiguren, die gierigen Hexen und die Bösen, nur um des Vergnügens willen in der Geschichte vorkommen, vom guten Volk der Träumer überführt zu werden.
Ich wusste alles über die langen Nächte, die der Stille und dem unendlichen Spiel der Innenschau geweiht sind, aber nun erkannte ich plötzlich meine Orientierungspunkte, meine Empfindungen nicht mehr, ich wusste nicht was denken, was tun, ich hatte den ökonomischen Rhythmus der elementar Einsamen verloren. Ich fühlte mich hektisch, in meiner Rhythmik gestört. Und ungeduldig. Ich meine, ich platzte vor Neugier. Wie unangenehm! Dass die Welt in seine Seifenblase eindringt, das ist die Gefahr, die den Misanthrop bedroht.
Na gut, ich werde ein bisschen lesen oder mal am Fernseher durchschalten, über irgendeinem Gedanken werde ich dabei schon in den Schlaf finden. Um diese Uhrzeit ist alles recht um abzutreten. Gleich morgen früh wird mir die kleine Grazie drei wesentliche Dinge erläutern:
Erstens: Wer ist sie?
Zweitens: Woher kommt sie?
Drittens: Wohin geht sie?
Sonst sehe ich nichts hinzuzufügen, so haben sich die Dinge abgespielt. Mehr zu erzählen, Details, Begleitumstände, Eindrücke, Hintergedanken, Wiederholungen, zweifelndes Schweigen, bringt nichts. Im Gegenteil, es schmälert das Ereignis, das doch eine so überwältigende Überraschung ist: Sofiane hat endlich von sich hören lassen, und er hat dieses seltsame Mädchen als Sprachrohr gewählt.
An diesem Tag, einem Tag wie alle anderen, oberflächlich und voll quälender Zweifel, konnte ich nicht ahnen, welcher Aufruhr mir bevorstand. Noch schlimmer, ich wusste nicht, wie ich die dumme Gans loswerden sollte. Wollte ich das überhaupt? Das war ja nicht alles, die Anwesenheit dieses albernen Mädchens wird mich erschüttern, wird meine Abwehrstellungen in der tiefsten Tiefe meines Wesens niederreißen. Ich spüre es, ich spürte, wie unabwendbar es war, ein anderes Leben hatte sich in meines gedrängt, es würde es von innen verschlingen, es phagozytieren, es von seinem Weg abbringen.
Bis zu welchem Punkt, Gott, gehört uns unser Leben?
Ich beobachtete die Unbekannte lange. Sie schlief den Schlaf der Nymphen. Ein hübsches junges Ding mit der Schnute eines verwöhnten Kindes. Die bunten Kissen, das gedämpfte Licht, die Dichte der Stille, das vertraute Gurgeln von ganz tief innen, die zarte Patina steigerten die Magie. Das Sinnbild des Glücks, das ruhige Glück, das uns schön und sanft macht. Wenn die Engel schlafen, sehen sie auch so aus, so wie Chérifa, die in ihren Träumen schwebte. Und wenn die Teufel sich dem Schlaf überlassen, dann sehen sie sicher genauso aus. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, die Guten und die Bösen empfänden, wenn sie ihren natürlichen Neigungen nachgehen, nicht den gleichen Genuss.”
